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Rittergut – 1

erschienen in: Heft 6/2016

Zur Geschichte des Wittgensdorfer Rittergutes

Ein Beitrag zur Ortsgeschichte

Über das Rittergut von Wittgensdorf wurde schon in verschiedenen Chroniken zur Geschichte unseres Ortes geschrieben. Dabei griffen die jeweiligen Autoren immer wieder auf das vorher Geschriebene zurück und ergänzten es durch neue Fakten und deren Interpretation. Wir wollen in diesem Beitrag versuchen, eine zusammenfassende Darstellung seiner Entwicklung zu geben und durch interessante Details zu ergänzen.
Leider ist die Quellenlage (Bauakten, Lagepläne etc.) zum Rittergut nicht sehr gut. Die im Stadtarchiv Chemnitz befindlichen Dokumente beziehen sich nahezu ausschließlich auf Klagen und Gerichtsprozesse die die jeweiligen Besitzer gegen einzelne Bauern und Häusler wegen etwaiger Verfehlungen und Schulden gegenüber der Herrschaft führten.
Wir stützen uns deshalb hauptsächlich auf ein Kapitel aus dem handschriftlichen Werk von Horst Strohbach:
„Chronik des Mulde-Chemnitz-Dreiecks - im Gaue Chutizi unweit des Chemnitz-Flusses", Seiten 253 bis 254 zur Geschichte des Rittergutes Wittgensdorf. Hier wird in fundierter Art und Weise auf die Lage, auf Besonderheiten wie z.B.: Verleihungen, Verpfändungen, Brautgaben etc. sowie auf die chronologische Reihe der einzelnen Besitzer eingegangen. Dazu kommen wir jedoch in unseren weiteren Ausführungen.
Beginnen wir nun mit der Lage des Rittergutes im Ort. Dazu lesen wir in [1] - Das Rittergut liegt inmitten des Ortes auf einer Anhöhe in der Nachbarschaft der Kirche.

Quelle: Sammlung Esche

Die langen Gebäude, die das große Geviert des Hofes fast umschließen, sind Jahrhunderte alt. Nur das Herrenhaus, das nach dem 1901 erfolgten Brande des alten neu errichtet wurde, passt sich nicht mehr dem Gesamtbild an. Das heute noch als Rittergut bezeichnete Anwesen wurde in früheren Zeiten als "Vorwerk" bezeichnet, da es zur Herrschaft Rochsburg gehörte.
Baulich gesehen hat das Rittergut mit Sicherheit in den vergangenen Jahrhunderten viele Entwicklungsstufen zu verzeichnen. In [2] schreibt dazu Riemann Folgendes:
„Aus Unterlagen im Kirchenknopf ist zu ersehen, dass im Jahr 1415 die gesamte Gegend um Chemnitz schwer verwüstet wurde.“

Quelle: Sammlung Kühn

Merkwürdigkeiten so im Knopf des Kirchturms zu Wittgensdorf enthalten sind, auch was sich sonst merkwürdiges in dieser Kirchfahrt zugetragen hat.
Anno 1415 fielen die Hussiten in Sachsen und verheerten alles um Chemnitz herum, dieses Wittgensdorf ist auch fast zu Grund verwüstet worden.
Hinsichtlich der Jahreszahl 1415 muss allerdings das vorliegende Dokument mit Vorsicht betrachtet werden. Die sog. Hussitenkriege begannen am 30. Juli 1419 mit dem sog. Fenstersturz zu Prag und zogen sich bis zum Jahr 1436 hin. Es könnte jedoch durchaus sein , dass es im Jahr 1415 marodierende Haufen waren, die mordend und brandschatzend durch das Land zogen. Da mit Sicherheit niemand sofort diese Handlungen dokumentiert hat, ist es möglich, dass im Nachgang bei der schriftlichen Dokumentation diese Vorkommnisse der Einfachheit halber oder aus Unkenntnis den Hussiten zugeordnet wurden. Bei den eigentlichen Hussitenkriegen wurden viele Ländereien des Deutschen Reiches und speziell die an Böhmen angrenzenden Gebiete schwer in Mitleidenschaft gezogen.
Einleuchtender erscheint uns hier jedoch eine Passage aus dem Heft „700 Jahre Wittgensdorf - aus der Geschichte unseres Heimatortes" [3]. Hier wird zwar auch wieder das Jahr 1415 angesprochen aber gleichzeitig auf die sog. Bruderkriege in Sachsen von 1445 bis 1451 hingewiesen. Diese Auseinandersetzungen zwischen Friedrich II und Wilhelm III von Sachsen fügten dem Land großen Schaden zu und endeten erst mit dem sog. „Naumburger Frieden" (27. Januar 1451)

Quelle: Heft 700 Jahre Wittgensdorf - aus der Geschichte unseres Heimatortes Seite 13 [3]

Ähnliches vermutet auch Arthur Beil in seiner Schrift „Beiträge zur Geschichte Tauras" [4]. Hier schreibt er:

Quelle: Arthur Beil, Beiträge zur Geschichte Tauras [4]

Da aber nach diesen Verwüstungen unser Heimatort nicht untergegangen ist, sondern ein Neuaufbau erfolgte, kann man auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten, dass auch zu dieser Zeit der Neuaufbau des Rittergutes begann. Gestützt wird diese These durch die Tatsache, dass die alten Rittergutsgebäude in der Hauptsache mit dem sog. Glimmerschiefer errichtet wurden. Wir sind auf diese Angelegenheit schon in unserem Beitrag zur Wasserversorgung von Wittgensdorf, Teil 1 eingegangen. Zur Demonstration noch ein Foto eines alten Rittergutsgebäudes mit der Außenwand aus Glimmerschiefer.

Quelle. Sammlung Riemann

Interessant ist hierbei noch eine Bemerkung Strohbachs in [1] zum Jahr 1479:
Meister Arnold von Westfalen nimmt Bauten am Schlosse Rochsburg vor, ebenso am Hofe zu Wittgensdorf.
Arnold von Westfalen (1425 bis 1481) war sächsischer Landesbaumeister und der Erbauer der Albrechtsburg in Meißen. Er gilt auch als Erbauer der Burg Kriebstein, von Schloss Rochsburg und des Torhauses des Dresdner Schlosses. In den Jahren von 1470 bis 1481 leitete er die Um und Ausbauarbeiten auf Schloss Rochsburg. Während dieser Arbeiten besuchte er wie o.a. Wittgensdorf und gab Anweisungen bei der Errichtung eines oder mehrer Gebäude. Riemann vermutet in [2], dass es sich hierbei um den Bau einer Kapelle handeln könnte, die aber später überbaut und als Stall genutzt wurde (??). Interessant ist aber in diesem Zusammenhang das Foto vom Kuhstall des Rittergutes, welches ein schönes Kreuzgewölbe auf sehr hohen quadratischen Säulen aus Rochlitzer Porphyr zeigt. Diese großzügige Bauweise ist allerdings für einen Kuhstall sehr ungewöhnlich.

Quelle: Privat Frau Tabert (geb. Raschke)

Ein weiteres ungewöhnliches Detail scheint noch die Vermutung von Riemann zu stützen. Im nachfolgenden Bild wird das links vom Herrenhaus stehende Gebäude von einer Dachlaterne gekrönt. Diese könnte als „eine Art Glockenturm“ [2] gedeutet werden. In einer späteren Darstellungen (Wittgensdorf 1884) fehlt jedoch diese Dachlaterne. Damit läge die Vermutung einer späteren Auflassung der Kapelle und vorgenommener Überbauung nahe.

Kirche und Rittergut in alten Darstellungen

Das nachstehende Bild (Kolorierter Farbdruck von 1784 zeigt die 1728 umgestaltete die Kirche mit dem neuen Kirchturm. Gut zu erkennen ist das alte Herrenhaus (abgebrand 1901) und das Wirtschaftsgebäude mit der Dachlaterne (zwischen Kirche und Herrenhaus) ![](Rittergut-1/img-007.jpg "Quelle: Sammlung Heimastube"")

Das nächste Bild zeigt eine Ansicht unseres Heimatortes um 1850. Gut sind wieder zu erkennen das Herrenhaus, die Kirche, die alte Kirchschule und das Pfarrgut. Hier aber fehlt schon die Dachlaterne auf dem links neben dem Herrenhaus stehenden Wirtschaftsgebäude. Ein Indiz für die vorgenommene Überbauung der Kapelle ?

Quelle: Neue Sächsische Kirchengalerie, Die Ephorien, Die Parochie Wittgensdorf

Nach der aus jetziger Sicht sinnlosen Zerstörung der Stall- und Wirtschaftgebäude des Rittergutes nach der Enteignung und Vertreibung des letzten Besitzers, Herrn Emil Fritz Raschke und seiner Familie im Jahr 1945, wurden die aus den Abbruch stammenden Baumaterialien für den Bau der sog. „Neubauernhöfe“ verwendet. Die im Bild (Kuhstall) zu sehenden Säulen waren jedoch für diesen Zweck ungeeignet und kamen als Begrenzungssteine am Schulberg zum Einsatz. Dort liegen sie noch heute und erinnern den kundigen Wittgensdorfer an das Rittergut.

Quelle: Sammlung Nier
Quelle: Sammlung Nier

Gut zu erkennen ist die Länge der Bauteile und vorhandene bautechnische Ausarbeitungen. Die rote Farbe des Rochlitzer Porphyrs ist leider durch die vorhandene Bemoosung nur noch zu erahnen.

Die nachstehenden Fotos aus der Sammlung von Frau Taubert, geb. Raschke (außer "Altes Herrenhaus") geben uns noch eine guten Eindruck von der beeindruckenden Architektur und Größe des Rittergutes wieder.

Quelle: Sammlung Winkler Altes Herrenhaus (abgebrannt März 1901)
Neues Herrenhaus, erbaut unmittelbar nach dem Brand von März 1901
Wirtschaftsgebäude (Zustand nach Erwerb durch Herrn E.F.Raschke von Alfred Escher 1936)
Das gleiche Gebäude nach erfolgter Rekonstruktion durch Herrn Raschke
Hofansicht mit Taubenhaus, Wassertrog und Auslauf (rechts)
Wirtschaftgebäude mit Zugmaschine und Hänger
Rekonstruktion der Stall- und Wirtschaftsgebäude

Zum Andenken an den letzten Besitzer des Rittergutes, Herrn Emil Fritz Raschke und seine Familie fügen wir hier noch ein Familienfoto ein.

Mit diesem Exkurs zur Lage und der Baugeschichte beenden wir den ersten Teil unseres Beitrages zur Geschichte des Wittgensdorfer Rittergutes. Im zweiten Teil wollen wir seine geschichtliche und politische Entwicklung aufzeigen.

Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.

Literaturverzeichnis:
[1] - Horst Strohbach, Chronik des Mulde-Chemnitz-Dreiecks - im Gaue Chutizi unweit des Chemnitz-Flusses, Seiten 253 - 256, Handschrift, Stadtarchiv Chemnitz
[2] - Gerhard Riemann, Heimatgeschichte Wittgensdorf, unveröffentl. Beitrag zur Geschichte des Rittergutes
[3] - 700 Jahre Wittgensdorf Aus der Geschichte unseres Heimatortes Rat der Gemeinde Wittgensdorf, Festschrift, Juli 1958
[4] - Oberlehrer Arthur Beil, Beiträge zur Geschichte Tauras, Taura 1913, Verlag Gemeindeverwaltung Taura, Druck: Georg Delling Taura

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